Waldorfpädagogik in der Ukraine – dem Land an der Grenze
Das zweitgrößte Land Europas liegt etwas außerhalb
unseres Bewusstseins, ein Land „an der Grenze“, wie die wörtliche
Übersetzung des Wortes „Ukraine“ lautet.
Seit 1986 blickt die Welt voller Sorge auf die Ukraine,
weil hier in Tschernobyl eine dramatische Katastrophe stattfand, die aber
zugleich einen Wendepunkt im Umgang mit der Atomenergie markierte.
Neue pädagogische Impulse
Mit der Auflösung der Sowjetunion begannen im Jahr 1991
auch in der Ukraine in verschiedenen Städten des Landes Menschen im
Erziehungs- und Bildungsbereich einen Neuanfang, zum Beispiel in Charkow,
Dnjepropetrowsk, Donezk, Kiev und Odessa.
So sind hier ab 1993 bis heute sieben Waldorfschulen
und 15 Waldorfkindergärten entstanden.1995 beginnt in Odessa, der schon
immer weltoffenen Stadt am Schwarzen Meer, ein Lehrer- und ein
Kindergartenseminar mit der Arbeit, in Kiev und Dnjepropetrowsk finden seit
einiger Zeit ebenfalls Fortbildungskurse für Erzieher/innen und Lehrer
statt.
Immer sind es zunächst einzelne Menschen, die die
Initiative ergreifen, Kontakt knüpfen, mit der Aufbauarbeit beginnen.
Auch aus dem Ausland sind früh Hilfen gekommen. So
haben sich nicht nur tatkräftige Persönlichkeiten aus Deutschland, der
Schweiz, aus Skandinavien und anderen Regionen auf den Weg gemacht, um in
der Ukraine am Aufbau eines freien Erziehungs- und Bildungswesens
mitzuarbeiten. Es wurden Hilfsfonds gegründet, Patenschaften zwischen
Schulen geschlossen und mit Leben gefüllt; der Bund der Freien
Waldorfschulen ist mit einer eigens gegründeten Organisation (Internationale
Assoziation für Osteuropa) seit mehr als zehn Jahren auch in der Ukraine
sehr aktiv. Die Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten
unterstützt ebenfalls insbesondere die Fort- und Weiterbildung von
Erzieher/innen am Seminar in Odessa.
Konferenz der ukrainischen Waldorferzieherinnen in Kiew
Im Jahr 1999 begründeten die Waldorfkindergärtnerinnen
eine ukrainische Kindergartenvereinigung. Zusammenarbeit, Fort- und
Weiterbildung, Öffentlichkeitsarbeit, das Ringen um staatliche Anerkennung
und Unterstützung, dies sind Aufgaben und Ziele der Vereinigung.
In besonderer Weise wird die wachsende pädagogische
Bewegung bei den jährlichen mehrtägigen Konferenzen der Waldorferzieherinnen
und Erzieher deutlich.
So fand vom 1. bis 4. Mai 2003 bereits die fünfte
Erzieher/innen- Jahrestagung, diesmal in Kiew, statt. In den Räumen der
Waldorfschule, die mit einem dreigruppigen Kindergarten verbunden ist,
versammelten sich über 40 Pädagogen aus acht ukrainischen Städten. Thema der
Tagung war: „Waldorfpädagogik und Salutogenese“.
In fünf Vorträgen (gehalten von Peter Lang, Leiter des
Waldorfkindergartenseminars, Stuttgart) ging es um die
entwicklungspsychologische und pädagogische Verknüpfung und Umsetzung des
Salutogenese-Ansatzes in der Waldorfpädagogik, die in ihrem Wesen und ihrer
Methodik nach eine gesundende Erziehung ist.
Die Thematik wurde in Arbeitsgruppen aufgegriffen,
methodisch-didaktische Beispiele wie Marionetten- und Puppenspiele
(vorgeführt von Kindergärtnerinnen aus Kiew), aber auch Gesprächskreise, die
eine sozialgesundende Konferenzarbeit in den Mittelpunkt stellten, gehörten
zum Programm (Svetlana Exs, Leiterin des Erzieherseminars in Odessa und Ruth
Garnier, Waldorfkindergärtnerin aus Überlingen).
Einige Waldorferzieherinnen hatten selbst hergestellte
Spielsachen aus ihrem Kindergarten mitgebracht und so entstand eine kleine,
fachlich anregende Ausstellung.
„Das Kind“ – eine waldorfpädagogische Zeitschrift
Zu den vielen Initiativen, die Menschen in der Ukraine
entwickeln, gehört seit einigen Jahren die Zeitschrift für Waldorfpädagogik
„Das Kind“. Zunächst als regelmäßige Beilage einer anderen pädagogischen
Zeitschrift, stellte eine Redakteurin auf der Tagung in Kiew nun „Das Kind“
in neuem Gewand vor; eine gut gemachte, ansprechende Schrift, fünfzig Seiten
stark, mit einer Auflage von über 800 Exemplaren und zweitmonatlicher
Erscheinungsweise.
Diese Zeitschrift informiert die Eltern, Lehrer und
Erzieher, aber sie ist auch zu einem beachtlichen Organ der
Öffentlichkeitsarbeit geworden.
Peter Lang
1 Bild mit folgender Bildunterschrift:

Teilnehmerinnen an der fünften ukrainischen
Kindergarten-Konferenz in Kiev (dritte links, stehend: Ruth Garnier,
Überlingen, rechts, stehend: Peter Lang, Stuttgart) |