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Waldorfkindergärten in Japan Zusammenarbeit in der
Verschiedenartigkeit
Was in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann,
entwickelte sich in Japan erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Zu dieser
Zeit entstanden in Asien die ersten Kindergärten, und auch dann spielten sie
bis zum Ende des zweiten Weltkriegs eine eher untergeordnete Rolle im
japanischen Erziehungssystem, denn die kleinen Kinder wuchsen weitgehend in
den Familien auf und wurden insbesondere von den Großeltern betreut.
Inzwischen hat sich der Kindergarten einen festen Platz in der pädagogischen
Landschaft erobert - zumal heute über 60 Prozent der japanischen Frauen
berufstätig sind.
Die Kinder kommen mit drei Jahren in den Kindergarten und bleiben dort bis
zu ihrem Schuleintritt im siebten Lebensjahr. Neben den staatlichen
Einrichtungen gibt es viele
private Kindergärten und Schulen, die meist staatlich anerkannt sind und
sowohl vom Staat als auch über - oft hohe zusätzliche Elternbeiträge -
finanziert werden.
Im waldorfpädagogischen Bereich arbeiten etwa 35 bis 40 Kindergärten, und
zwar in drei verschiedenen Varianten:
Ganz private Einrichtugen, die der Besitzer selbst leitet oder in denen er
die pädagogische Verantwortung an erfahrene Erzieher delegiert hat.
Finanziert werden diese Kindergärten vom Staat und mit Elternbeiträgen.
Eine zweite Variante sind Waldorfkindergärten, die aus freien Erzieher- und
Elterninitiativen enstanden sind (so wie wir das hier aus Deutschland
kennen). Nur hat in Japan diese Freiheit ihren Preis, der Staat beteiligt
sich nicht an der Finanzierung, die ganze finanzielle Last liegt
ausschließlich bei den Eltern.
Außerdem gibt es noch Waldorfkindergärten im Umfeld der buddhistischen
Tempel.
Wie kam die Waldorfkindergartenpädagogik nach Japan?
Vor 35 Jahren übernahm Hiroko Takahashi von ihrer Mutter einen privaten
Kindergarten. Zuvor hatte sie in Deutschland die Anthroposophie und die
Waldorfpädagogik kennengelernt. Sie begann nun ihren Kindergarten (acht
Gruppen mit 180 Kindern) nach und nach in einen Waldorfkindergarten zu
verwandeln. Außerdem organisierte sie Ausbildungsmöglichkeiten für
japanische Pädagogen in Deutschland und den USA und holte regelmäßig
Dozenten nach Nasu, wo sie bis heute waldorfpädagogische
Fortbildungsseminare veranstaltet. Auf diese Weise wuchs der Kreis der
Waldorfpädagogen
und der -kindergärten. Als nächste große Aufgabe hat sich Hiroko Takahashi
vorgenommen, im kommenden Jahr eine Waldorfschule in Nasu zu begründen. (In
Tokyo gibt es seit Jahren eine Waldorfschule mit heute 100 Schülern, in der
alten Kaiserstadt Kyoto wird in diesem Jahr eine weitere ihre Arbeit
aufnehmen.)
Vor drei Jahren ergriff Atsuko Morio, eine in Deutschland ausgebildete
Waldorfkindergärtnerin, die in Yokohama zusammen mit Eltern einen freien
Kindergarten begründete, eine neue Initiative und begann mit einem
berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildungsseminar.
Japanischen Waldorfkindergarten-Vereinigung.
Seit vielen Jahren arbeiteten Waldorfpädagogen daran, die Zusammenarbeit im
Land zu intensivieren, die Waldorfpädagogik in der Öffentlichkeit noch
aktiver darzustellen und Gründungsinitiativen besser zu unterstützen.
Es liegt auf der Hand, dass bei so verschiedenartigen Kindergartenstrukturen
der Weg bis zu einer Vereinigung nicht leicht war, aber Anfang Februar
dieses Jahres war es so weit.
Die Gründungsversammlung fand am 11. und 12. Februar in Tokyo statt. 120
Menschen aus 42 Städten Japans nahmen daran teil. Sie kamen von allen vier
Hauptinseln, von Hokkaido im Norden, von Honshu, von Shikoku und von Kyushu
im Süden.
In Vorträgen und Gesprächsrunden entstand ein waches und aktives Bewusstsein
von der Bedeutung der Waldorfpädagogik im heutigen Japan. Die Redebeiträge
und die gute Arbeit des Initiativkreises, der die Versammlung in
professioneller Weise vorbereitet hatte und führte, vermittelten den
Teilnehmern einen kraftvollen Impuls, in der kommenden Zeit an den Aufgaben,
den Strukturen und der sozialen Ausgestaltung der Kindergartenvereinigung
Japans zu arbeiten und sie mit Leben zu füllen. Dazu gehört sicher auch, die
Zusammenarbeit mit waldorfpädagogischen Einrichtungen in anderen Ländern zu
intensivieren, wobei gerade zu Taiwan, Südkorea und zu Pädagogen auf den
Philipinen bereits gute Arbeitskontake bestehen.
Waldorf als Alternative
In der pädagogischen Literatur Japans hat die Waldorfpädagogik längst einen
festen Platz eingenommen, waldorfpädagogische Bücher finden interessierte
Leser. Auch in Rundfunk und Fernsehen wird immer wieder über diese
alternative Pädagogik berichtet. Dies hat einen Grund sicher auch darin,
dass das japanische Erziehungssystem noch weitgehend hierarchisch, autoritär
und extrem auf Leistung ausgerichtet ist. Viele Schulkinder besuchen nicht
nur ihre eigentliche Schule, sondern nachmittags eine zweite, eine
Nachhilfeschule. Davon gibt es inzwischen mehr als reguläre Schulen.
Die japanischen Medien berichten immer wieder darüber, dass viele Schüler
dem Leistungsdruck nicht mehr standhalten und den Schulbesuch verweigern;
die japanische Selbstmordrate von Schülern ist eine der höchsten der Welt.
In Gesprächen mit Eltern und Pädagogen besteht rasch Einmütigkeit darüber,
dass das japanische Erziehungs- und Schulsystem dringend reformiert werden
müsse - aber die konkreten Veränderungsprozesse gehen nur langsam voran.
Umso bedeutsamer ist es, dass Waldorfkindergärten, verteilt über das ganze
Land, Pionierarbeit leisten, indem sie den Leistungsdruck so lange wie
möglich von den Kindern fernhalten und ihnen statt dessen Raum und Zeit für
ihre Entwicklung geben.
Peter Lang, Stuttgart
Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten
Gründungsversammlung der japanischen
Waldorfkindergarten-Vereinigung in Tokyo
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v. re. Azuko Morio,
Peter Lang. AkioTakahashi, Hiroko Takahashi |
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