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Waldorfkindergärten in Russland Fester Bestandteil des Erziehungsystems


Zehn Jahre Waldorfkindergärten in Russland: Das ist nicht nur ein Grund zu feiern, sondern auch Anlass für eine Tagung, zu der das Moskauer Waldorfkindergarten-Seminar, die Akademie für Fortbildung von Führungskräften in Moskau und die Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten Ende November 2001 eingeladen hatten. Mehr als 70 Menschen aus 16 Städten und Regionen Russlands und Weißrusslands waren der Einladung gefolgt.
Es ging um eine Standortbestimmung der Waldorfpädagogik im heutigen Russland und um Fragen einer zukünftigen noch intensiveren Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und Organisationen.
Zur Eröffnung der Tagung machte die stellvertretende Leiterin des Kommites für Erziehung und Bildung in Moskau-Central, Vera Lapatina (sie steht einer Behörde mit 10.000 pädagogische Mitarbeitern im Kindergarten- und Schulbereich vor) deutlich, dass die waldorfpädagogischen Impulse bis in die Erziehungsbehörden hinein wirken. In den zurückliegenden Jahren ist die Waldorfpädagogik im Kindergarten-und Schulbereich zu einer festen Größe innerhalb des russischen Eziehungs- und Bildungssystems geworden.Obwohl zahlenmässig noch eher bescheiden (70 Waldorfkindergärten arbeiten in Russland), ist die Ausstrahlung der waldorfpädagogischen Bewegung durchaus bedeutsam. In ihrer Ansprache hob Vera Lapatina insbesonders die ausgezeichnete Arbeit des Moskauer Kindergartenseminars unter Leitung von Regina Hoeck hervor; von hier kämen immer wieder Impulse, die nun auch in ein neues Fortbildungsprogramm der Moskauer Bildungs- Behörde Eingang finden.
Der deutsche Botschafter in Russland, Ernst-Jörg von Studnitz, gehörte ebenfalls zu den Rednern. Er hob die Bedeutung der Waldorfpädagogik gerade auch mit Blick auf den schwierigen Demokratisierungsprozess in Russland hervor und versicherte dem Seminar und der waldorfpädagogischen Bewegung in Russland auch weiterhin seine Unterstützung.
Rechtzeitig zu dieser Tagung konnte ein mehr als 100 Seiten starker "Methodisch-didaktischer Leitfaden der Waldorfkindergarten-Pädagogik in Russland"
in einer ansprechenden Buchform vorgestellt werden. Da die meisten Waldorfkindergärten in staatliche Kindergärten eingebunden sind und auch vom Staat mitfinanziert werden, war es sinnvoll, einen solchen pädagogischen Leitfaden zu erarbeiten und ihn dem russischen Bilungsministerium rur Prüfung vorzulegen. Im Frühjahr des vergangenen Jahres hatte der "Russische föderale Expertenrat" getagt, hier mussten russische Waldorpädagogen Rede und Antwort stehen. Das Ergebnis war überzeugend: Das russische Bildungsministerium sprach dem Leitfaden der Waldorfpädagogik im Kindergartenbereich seine offizielle Anerkennung aus. Dies ist für die weitere Entwicklung der Waldorfpädagogik in Russland und in den benachbarten Ländern (z.B. Ukraine, Baltikum und Weiß-Russland) von großer Bedeutung.



Gleich im Anschluss an diese Jubiläums-Tagung fand in Moskau eine wissenschaftlich-praktische Konferenz über Probleme der Vorschulerziehung in Russland statt. Dazu hatte die Bildungsverwaltung des Bezirks Moskau Central in eine Moskauer Schule eingeladen. 23 verschiedene Organisationen und Institutionen gestalteten das Treffen, unter ihnen auch Vertreter der Waldorfpädagogik. Die über 100 Teilnehmer, Pädagogen, Wissenschaftler und Kindergarten-Leiterinnen befassten sich mit Themen wie

- Recht und Würde des Kindes in den Einrichtungen der Vorschulerziehung,
- frühe Kindheit: heutige Erfordernisse und Notwendigkeiten,
- Qualität der Vorschulerziehung in der heutigen Zeit.

In den Berichten und Vorträgen der russischen Kollegen entstand ein düsteres, ja dramatisches Bild der Lebensituation russischer Kinder und Jugendlicher:

- Der allgemeine Gesundheitszustand russischer Kinder ist extrem schlecht.
- 50 Prozent aller russischen Kinder und Jugendlichen sind psychisch krank.
- 80 Prozent aller russischen Kinder sind krankheitsgefährdet.
-12 Prozent der russischen Kinder verweigern den Schulbesuch.
- Nur etwa 35 Prozent der russischen Kinder im Alter von 3 bis 7 Jahren besuchen noch einen Kindergarten (1990 waren es noch 85 Prozent). Viele dieser Kinder sind wenig oder schlecht beaufsichtigt und verbringen die meiste Zeit vor dem Fernsehgerät.
- Sprachentwicklungsstörungen haben ein enormes Ausmaß angenommen.
- Perspektivlosigkeit, steigender Alkohol- und Drogenkonsum führen in die Aggressivität und Kriminalität.
Auch angesichts dieser schwierigen Situation genießt die Waldorfpädagogik überall hohe Beachtung. Zum Beispiel anlässlich eines Vortrages von Regina Hoeck (Waldorf-Kindergartenseminar Moskau) über die Bedeutung des kindlichen Spiels oder von
Peter Lang ( Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten) über Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen und pädagogische Alternativen,

Vera Lapatina von der Bezirkverwaltung für Bildung in Moskau Central leitete die Konferenz, seit Jahren befasst sie sich intensiv mit Waldorfpädagogik.
In ihrem Schlussbeitrag forderte sie das russische Bildungswesen auf, von Deutschland zu lernen und wünschte sich "tausend Waldorfkindergärten in Russland, dann sähe die Situation in Russland besser aus".
Doch wann lernen deutsche Regierungsvertreter von Russland und wünschen sich noch
mehr Waldorfkindergärten?

Peter Lang
Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten
 
10 Jahre Waldorfkindergarten in Russland sind ein Grund zu feiern: U.a.: Regina Hoeck und Svetlana Jefremova vom Moskauer Waldorfkindergarten-Seminar (2. und 3. v. re.) der deutsche Botschafter Ernst-Jörg von Studnitz und seine Gattin (4. und 5. v. re.), Peter Lang von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten (6. v.re.)

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