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Aus der Waldorfkindergartenbewegung
Je früher desto besser?
Nachdem die PISA-Studie vor zwei Jahren politischen Staub aufgewirbelt
hatte, wurde in der Zwischenzeit die Bildungslandschaft neu geordnet.
Landauf, landab sind Gesetze in Vorbereitung oder bereits verabschiedet,
die eine Vorverlegung des Einschulungsalters anbieten - oder sogar vorschreiben.
So entscheidet in manchen Bundesländern nur noch der sechste Geburtstag
eines Kindes über seine Einschulung, Mit dieser Regelung verlieren
die Schulreifetests, die eine spätere Zurückstellung des Kindes
weitgehend vermeiden sollten, an Bedeutung. Dabei gehen die Gesetzgeber
davon aus, dass es sich in der ersten Schulzeit schon herausstellen wird,
ob das Kind tatsächlich schulreif ist oder nicht. In einigen Bundesländern
ist sogar eine Einschulung lange vor dem sechsten Geburtstag - zum Beispiel
schon mit 5 Jahren - möglich.
Tabelle: Erst der Anfang
Derzeit geltende Einschulungsalter
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Dabei gerät völlig in Vergessenheit,
dass es längst erwiesen ist, dass vorzeitig eingeschulte Kinder ein
höheres Risiko haben, mindestens einmal sitzen zu bleiben; die Wahrscheinlichkeit,
bereits während der Grundschulzeit ein Jahr wiederholen zu müssen,
erhöht sich sogar um das Zwei- bis Dreifache.
Zufällig ist diese Entwicklung nicht. Unverkennbar - und teilweise
unverhohlen - steckt dahinter die Auffassung, dass eine frühere Einschulung
nicht nur pädagogisch sinnvoll, sondern auch volkswirtschaftlich nützlich
sei: Bei früherer Einschulung erfolgt auch der Schulaustritt ein Jahr
früher.
Doch unwidersprochen ist diese Entwicklung auch nicht geblieben:
Memorandum gegen eine Vorverlegung des Einschulungsalters
In den letzten Monaten konnten dank einer konzertierten Aktion des Bundes
der Freien Waldorfschulen, der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten
sowie der Pädagogischen und Medizinischen Sektion am Goetheanum in
der Öffentlichkeit Unterschriften gegen diese politische Entwicklung
gesammelt werden. Mehr als 70.000 Menschen haben einen entsprechenden
Aufruf unterzeichnet - ein deutliches Zeichen von Eltern, Pädagogen
und Ärzten, sich nicht einfach abzufinden mit den politisch/wirtschaftlich
motivierten Eingriffen in pädagogische Prozesse.
Ein Memorandum kann aufmerksam machen, weitere Aktivitäten müssen
folgen. Auffallend ist, dass die größeren politischen Parteien
sich in der Frage der Vorverlegung des Einschulungsalters anscheinend
einig sind; das macht die Meinungsbildung nicht gerade einfacher.
Die Waldorfpädagogik als gesellschaftliche und kulturelle Bewegung
bleibt von dieser Entwicklung selbstverständlich nicht unberührt;
auf ihre Kindergärten und Schulen kommen gewaltige Herausforderungen
zu.
Denn viele Eltern sind verunsichert, glauben vielleicht, mit einem früheren
Schuleintritt ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Um so notwendiger ist
es, dass Waldorfkindergärten gemeinsam mit Waldorfschulen verstärkte
Informationsanstrengungen unternehmen, um den Eltern die Angst zu nehmen,
durch eine spätere Einschulung ihre Kinder zu benachteiligen. In
vielen Regionen Deutschlands haben in den letzten Monaten dazu entsprechende
Veranstaltungen stattgefunden - aber diese Arbeit muss verstärkt
weitergehen.
PISA hat aber auch dazu beigetragen, dass die Diskussion über die
richtige Erziehung populär geworden ist - und damit auch die Frage
nach Alternativen zu staatlichen Einrichtungen. So
ist ein gesteigertes Interesse der Eltern für die Waldorfpädagogik
zu verspüren - viele Kindergärten und Eingangsklassen der Schulen
sind voll, haben Wartelisten, auch hat das Interesse am Waldorf-Erzieherberuf
so stark zugenommen, dass die Erzieherfachschulen vollständig ausgebucht
sind.
Qualifizierte Forschung
Um auf die neuen Herausforderungen angemessen reagieren zu können,
hat sich im September in Stuttgart eine Gruppe von anthroposophischen
Kinder- und Schulärzten, Waldorflehrern, Erzieherinnen und Dozenten
mit dem Ziel getroffen, verschiedene Forschungsprojekte auf den Weg zu
bringen. Dazu gehört beispielsweise eine standardisierte Datenerhebung
bei den Einschulungsuntersuchungen an deutschen Waldorfschulen, um aussagefähiges
Material in salutogenetischen Längs- und Querschnittstudien zu gewinnen.
Des Weiteren haben sich Arbeitsgruppen gebildet, die ein pädagogisches
Leitbild für Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahre und einer entsprechenden
Erzieher- und Lehrerausbildung entwickeln wollen.
Außerdem sollen längerfristige Studien zum Thema "Gesundheit
und Schule" auf allgemein anerkanntem wissenschaftlichen Niveau erarbeitet
werden.
Ganzheitliche Sprachförderung im Vorschulalter
Nicht nur ein früherer Beginn der Schule gefährdet eine gesunde
Entwicklung der Kinder, auch die dramatisch zunehmenden Sprechdefizite
und Sprachentwicklungsstörungen im frühen Kindesalter behindern
die körperlich, seelisch, geistige und soziale Entwicklung der Kinder
Aktuelle Forschungsergebnisse gehen bei den drei- bis vierjährigen
Kindern von mittlerweile 25 Prozent sprachentwicklungsgestörten Kindern
aus. Ohne im einzelnen hier auf die Ursachen eingehen zu wollen: Kleine
Kinder orientieren sich beim Spracherwerb in besonderer Weise an ihrer
direkten Umgebung, d. h. an den Eltern und den Erziehern. Da liegt es
auf der Hand, dass dem Kindergarten bei der Entwicklung der Sprachkompetenz
eine entscheidende Rolle zukommt. Dieser Erkenntnis öffnen sich auch
staatliche Stellen immer häufiger.
Das Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie
- IPSUM - und das Waldorfkindergartenseminar in Stuttgart haben daher
dem Kultusministerium in Baden-Württemberg eine Projektskizze vorgelegt,
in der es in einem ersten Schritt darum gehen soll, Fortbildungsangebote
für Leiterinnen von kommunalen und/oder konfessionellen Tageseinrichtungen
anzubieten. In einem weiteren Schritt sollten dann auch tätige Erzieherinnen
in regelmäßigen Abständen Gelegenheit haben, die eigene
Sprachkompetenz zu vertiefen und zu verfeinern und sich sowohl das Wissen
um die Anthropologie des Spracherwerbs zu erarbeiten als auch durch praktisches
Üben Fähigkeiten zu erwerben, die dann in der täglichen
Arbeit den Kindern und natürlich auch den Eltern zu gute kommen.
Es besteht die Hoffnung, dass dieses Fortbildungsangebot in die Förderungsprogramme
des Landes Baden-Württemberg mit aufgenommen und damit einen Beitrag
zu einer besseren Sprachentwicklung der Kinder geleistet wird.
Blick über die Grenzen
Nach der politischen Wende zu Beginn der neunziger Jahre breitete sich
die Waldorfpädagogik insbesondere in Südost- und Osteuropa aus,
Kindergärten, Schulen und Ausbildungsstätten sind neu entstanden.
Diese Entwicklung geht zwar weiter, nun aber deutlich langsamer, politische
und ökonomische Hinderungen zeigen Wirkung.
Um so notwendiger ist unsere Solidarität mit den dortigen Waldorfpädagogen,
die unter für uns im Westen kaum vorstellbaren Lebensbedingungen
arbeiten.
Auch in vielen asiatischen Ländern gibt es seit Jahren Waldorfkindergärten,
zum Beispiel in Japan, Taiwan, auf den Philippinen, in Indien und Nepal.
In Südkorea arbeiten seit diesem Sommer parallel drei Fortbildungsseminare
für Waldorferzieherinnen: alle sind gut besucht, was das große
Interesse an Waldorfpädagogik widerspiegelt.
Peter Lang
im Dezember 2003
Zentrum zur Förderung der Anthroposophie in
Korea: Teilnehmer des Fortbildungsseminars für Waldorferzieherinnen
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