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Aus der Waldorfkindergartenbewegung


Je früher desto besser?

Nachdem die PISA-Studie vor zwei Jahren politischen Staub aufgewirbelt hatte, wurde in der Zwischenzeit die Bildungslandschaft neu geordnet.
Landauf, landab sind Gesetze in Vorbereitung oder bereits verabschiedet, die eine Vorverlegung des Einschulungsalters anbieten - oder sogar vorschreiben. So entscheidet in manchen Bundesländern nur noch der sechste Geburtstag eines Kindes über seine Einschulung, Mit dieser Regelung verlieren die Schulreifetests, die eine spätere Zurückstellung des Kindes weitgehend vermeiden sollten, an Bedeutung. Dabei gehen die Gesetzgeber davon aus, dass es sich in der ersten Schulzeit schon herausstellen wird, ob das Kind tatsächlich schulreif ist oder nicht. In einigen Bundesländern ist sogar eine Einschulung lange vor dem sechsten Geburtstag - zum Beispiel schon mit 5 Jahren - möglich.

Tabelle: Erst der Anfang
Derzeit geltende Einschulungsalter

Bundesland

Baden-Württemberg
Bayern *
Berlin
Brandenburg
Bremen
Hamburg
Hessen *
Mecklenburg-Vorpommern
Niedersachsen
Nordrhein-Westfalen
Rheinland-Pfalz
Saarland
Sachsen
Sachsen-Anhalt
Schleswig-Holstein
Thüringen

Pflichteinschulungsalter

5 ¾
6
6
6
6
6
6
6
6
6
6
6
6
6
6
6

Einschulungsalter auf Antrag

5
5 ½
5 ½
5 ½
5 ½
zeitlich unbegrenzt
5 ½
5 ½
zeitlich unbegrenzt
zeitlich unbegrenzt
5 ½
zeitlich unbegrenzt
zeitlich unbegrenzt
5
zeitlich unbegrenzt
5
* In Bayern und Hessen sind für frühere Einschulungen als mit 5 ½ schulpsychologische Gutachten erforderlich.

Quelle: Zusammenstellung von Christiane Bäuerle, Bund der Freien Waldorfschulen; Stand: 30.9.2003

Dabei gerät völlig in Vergessenheit, dass es längst erwiesen ist, dass vorzeitig eingeschulte Kinder ein höheres Risiko haben, mindestens einmal sitzen zu bleiben; die Wahrscheinlichkeit, bereits während der Grundschulzeit ein Jahr wiederholen zu müssen, erhöht sich sogar um das Zwei- bis Dreifache.
Zufällig ist diese Entwicklung nicht. Unverkennbar - und teilweise unverhohlen - steckt dahinter die Auffassung, dass eine frühere Einschulung nicht nur pädagogisch sinnvoll, sondern auch volkswirtschaftlich nützlich sei: Bei früherer Einschulung erfolgt auch der Schulaustritt ein Jahr früher.
Doch unwidersprochen ist diese Entwicklung auch nicht geblieben:

Memorandum gegen eine Vorverlegung des Einschulungsalters
In den letzten Monaten konnten dank einer konzertierten Aktion des Bundes der Freien Waldorfschulen, der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten sowie der Pädagogischen und Medizinischen Sektion am Goetheanum in der Öffentlichkeit Unterschriften gegen diese politische Entwicklung gesammelt werden. Mehr als 70.000 Menschen haben einen entsprechenden Aufruf unterzeichnet - ein deutliches Zeichen von Eltern, Pädagogen und Ärzten, sich nicht einfach abzufinden mit den politisch/wirtschaftlich motivierten Eingriffen in pädagogische Prozesse.

Ein Memorandum kann aufmerksam machen, weitere Aktivitäten müssen folgen. Auffallend ist, dass die größeren politischen Parteien sich in der Frage der Vorverlegung des Einschulungsalters anscheinend einig sind; das macht die Meinungsbildung nicht gerade einfacher.

Die Waldorfpädagogik als gesellschaftliche und kulturelle Bewegung bleibt von dieser Entwicklung selbstverständlich nicht unberührt; auf ihre Kindergärten und Schulen kommen gewaltige Herausforderungen zu.
Denn viele Eltern sind verunsichert, glauben vielleicht, mit einem früheren Schuleintritt ihren Kindern etwas Gutes zu tun. Um so notwendiger ist es, dass Waldorfkindergärten gemeinsam mit Waldorfschulen verstärkte Informationsanstrengungen unternehmen, um den Eltern die Angst zu nehmen, durch eine spätere Einschulung ihre Kinder zu benachteiligen. In vielen Regionen Deutschlands haben in den letzten Monaten dazu entsprechende Veranstaltungen stattgefunden - aber diese Arbeit muss verstärkt weitergehen.

PISA hat aber auch dazu beigetragen, dass die Diskussion über die richtige Erziehung populär geworden ist - und damit auch die Frage nach Alternativen zu staatlichen Einrichtungen. So
ist ein gesteigertes Interesse der Eltern für die Waldorfpädagogik zu verspüren - viele Kindergärten und Eingangsklassen der Schulen sind voll, haben Wartelisten, auch hat das Interesse am Waldorf-Erzieherberuf so stark zugenommen, dass die Erzieherfachschulen vollständig ausgebucht sind.

Qualifizierte Forschung
Um auf die neuen Herausforderungen angemessen reagieren zu können, hat sich im September in Stuttgart eine Gruppe von anthroposophischen Kinder- und Schulärzten, Waldorflehrern, Erzieherinnen und Dozenten mit dem Ziel getroffen, verschiedene Forschungsprojekte auf den Weg zu bringen. Dazu gehört beispielsweise eine standardisierte Datenerhebung bei den Einschulungsuntersuchungen an deutschen Waldorfschulen, um aussagefähiges Material in salutogenetischen Längs- und Querschnittstudien zu gewinnen. Des Weiteren haben sich Arbeitsgruppen gebildet, die ein pädagogisches Leitbild für Kinder im Alter von 5 bis 9 Jahre und einer entsprechenden Erzieher- und Lehrerausbildung entwickeln wollen.
Außerdem sollen längerfristige Studien zum Thema "Gesundheit und Schule" auf allgemein anerkanntem wissenschaftlichen Niveau erarbeitet werden.

Ganzheitliche Sprachförderung im Vorschulalter
Nicht nur ein früherer Beginn der Schule gefährdet eine gesunde Entwicklung der Kinder, auch die dramatisch zunehmenden Sprechdefizite und Sprachentwicklungsstörungen im frühen Kindesalter behindern die körperlich, seelisch, geistige und soziale Entwicklung der Kinder Aktuelle Forschungsergebnisse gehen bei den drei- bis vierjährigen Kindern von mittlerweile 25 Prozent sprachentwicklungsgestörten Kindern aus. Ohne im einzelnen hier auf die Ursachen eingehen zu wollen: Kleine Kinder orientieren sich beim Spracherwerb in besonderer Weise an ihrer direkten Umgebung, d. h. an den Eltern und den Erziehern. Da liegt es auf der Hand, dass dem Kindergarten bei der Entwicklung der Sprachkompetenz eine entscheidende Rolle zukommt. Dieser Erkenntnis öffnen sich auch staatliche Stellen immer häufiger.
Das Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medienökologie - IPSUM - und das Waldorfkindergartenseminar in Stuttgart haben daher dem Kultusministerium in Baden-Württemberg eine Projektskizze vorgelegt, in der es in einem ersten Schritt darum gehen soll, Fortbildungsangebote für Leiterinnen von kommunalen und/oder konfessionellen Tageseinrichtungen anzubieten. In einem weiteren Schritt sollten dann auch tätige Erzieherinnen in regelmäßigen Abständen Gelegenheit haben, die eigene Sprachkompetenz zu vertiefen und zu verfeinern und sich sowohl das Wissen um die Anthropologie des Spracherwerbs zu erarbeiten als auch durch praktisches Üben Fähigkeiten zu erwerben, die dann in der täglichen Arbeit den Kindern und natürlich auch den Eltern zu gute kommen.
Es besteht die Hoffnung, dass dieses Fortbildungsangebot in die Förderungsprogramme des Landes Baden-Württemberg mit aufgenommen und damit einen Beitrag zu einer besseren Sprachentwicklung der Kinder geleistet wird.

Blick über die Grenzen
Nach der politischen Wende zu Beginn der neunziger Jahre breitete sich die Waldorfpädagogik insbesondere in Südost- und Osteuropa aus, Kindergärten, Schulen und Ausbildungsstätten sind neu entstanden. Diese Entwicklung geht zwar weiter, nun aber deutlich langsamer, politische und ökonomische Hinderungen zeigen Wirkung.
Um so notwendiger ist unsere Solidarität mit den dortigen Waldorfpädagogen, die unter für uns im Westen kaum vorstellbaren Lebensbedingungen arbeiten.
Auch in vielen asiatischen Ländern gibt es seit Jahren Waldorfkindergärten, zum Beispiel in Japan, Taiwan, auf den Philippinen, in Indien und Nepal. In Südkorea arbeiten seit diesem Sommer parallel drei Fortbildungsseminare für Waldorferzieherinnen: alle sind gut besucht, was das große Interesse an Waldorfpädagogik widerspiegelt.

Peter Lang
im Dezember 2003


Zentrum zur Förderung der Anthroposophie in Korea: Teilnehmer des Fortbildungsseminars für Waldorferzieherinnen

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