DÄ:
Warum nicht?
Peter Lang : Kinder brauchen die sinnliche Wahrnehmung, um verstehen
zu können. Sie sollten der Welt aus erster Hand
begegnen, das heißt sie tasten, schmecken, riechen, hören
und sehen. Denn der Weg kindlicher Erkenntnis führt im
wahrsten Sinne des Wortes vom Ergreifen zum Begreifen. Der Computer
dagegen bietet immer nur eine Welt aus zweiter Hand,
er liefert Kopien und Imitate, Illusionen. Auch das beste Mal-
und Bastelprogramm auf der zweidimensionalen Bildschirmfläche
bringt mit dem virtuellen Pinsel und der Schere nicht annähernd
das Lernerlebnis, das mit realen Farben und Materialien verbunden
ist.
Wer die Welt erforschen will, muss sich bewegen. Für Kinder
bedeutet das springen, klettern, balancieren, seilhüpfen,
graben, aber auch malen, kneten und Gemüse schnippeln,
um dabei die Feinmotorik zu entwickeln.
Bereits in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts erkannte
der Schweizer Psychologe Jean Piaget in der Bewegung des Kindes
eine wesentliche Grundlage für dessen kognitive, soziale
und emotionale Entwicklung. Er wusste: Wer seinen Gleichgewichtssinn
nicht entwickelt, hat auch Probleme mit der seelischen Balance.
In dem Maß wie die Sinnesentwicklung beeinträchtigt
ist, ist auch die Verstandesentwicklung gestört. Auch das
Auge ist ein Bewegungsorgan. Beim Nah- oder in die Ferne Sehen
ist die Augenlinse in ständiger Bewegung, die Pupille weitet
oder verengt sich, je nach den Lichtverhältnissen. Beim
Umgang mit dem Computer ist diese Bewegungsbereitschaft deutlich
herabgesenkt. Der Entfernungsabstand zwischen Auge und Gerät
bleibt immer gleich, die Dreidimensionalität des natürlichen
Raumes ist aufgehoben und zur Zweidimensionalität reduziert.
Der Blickwinkel des Kindes, normalerweise bis etwa 180 Grad
weit, verengt sich auf 70 bis 80 Grad.
DÄ:
Sie meinen, die gesunde Entwicklung des Kindes wird beeinträchtigt?
Peter Lang: Welche Faktoren spielen denn neben Liebe, Geborgenheit
und sicheren sozialen Beziehungen für die gesunde Entwicklung
eines Kindes eine Rolle? Es sind erstens die Verstehbarkeit
der Welt. Das bedeutet für das kleine Kind, dass es überschaubare,
nachahmbare und sinnvolle Handlungsabläufe erlebt und
umsetzt. Zweitens: Handhabbarkeit, das heißt, Vertrauen
zu gewinnen, aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer Menschen
Aufgaben meistern zu können, und drittens: Sinnhaftigkeit
der eigenen Lebensgestaltung, zu lernen, sich für sinnvolle
Ziele und Projekte anzustrengen, zu engagieren und Verantwortung
zu übernehmen. Zu all dem kann der Computer in der frühen
Kindheit nichts beisteuern. Im Gegenteil, er wirkt behindernd.
DÄ:
Ab welchem Alter halten Sie Kinder für reif genug, mit
dem Computer umzugehen?
Peter Lang: Wenn ich es mir wünschen könnte, frühestens
ab dem 12. oder 13. Lebensjahr. In den ersten Schuljahren
bis in die Pubertät hinein kommt es darauf an, die Begabungen
der Kinder zu erkennen und zu fördern, ihre Interessen
und Neigungen zu wecken. Kinder müssen erst lernen, Illusion
und Realität sicher auseinander zu halten, Ursache und
Wirkung klar zu unterscheiden und in sinnvolle Zusammenhänge
zu bringen. Wir Erwachsene sollten uns von der Je-früher-desto-besser-Haltung
verabschieden und mehr zu einer Alles-zu-seiner-Zeit-Pädagogik
kommen. Kinder haben keinen Vorteil davon, wenn Erfahrungen,
die sie zu einem späteren Zeitpunkt lohnend machen könnten,
immer früher auf sie zukommen.
DÄ: Arbeiten Waldorfschulen mit Computern im Unterricht?
Peter Lang: Wir beginnen mit der Heranführung an diese
Technologie meistens in der achten oder neunten Klasse und
differenzieren sie mehr und mehr bis zur 12. Klasse hin. Dabei
ist das Unterrichtsziel nicht allein, mit dem Computer umzugehen,
sondern ihn zu erforschen und zu verstehen. Bevor die Jugendlichen
in der 12. Klasse eigene Hardware bauen und die passende Software
schreiben, lernen sie zuvor die digitale Elektronik kennen.
Die Schüler hatten vor dem Computer-Einsatz genug Zeit,
neben kognitiven auch soziale, emotionale und künstlerisch-handwerkliche
Fähigkeiten zu entfalten. Sie sind am Ende ihrer Schulzeit
alt genug zu verstehen, dass die Maschine nur ein Hilfsmittel
ist, um inhaltli-che Aufgaben zu lösen. Die Inhalte aber
bestimmt der Mensch.
Interview: Petra Bühring
Die Broschüre
Kinder und Computer, Nummer 7 aus der Reihe Recht
auf Kindheit Ein Menschenrecht, herausgegeben
von der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten
e.V., Stuttgart, befasst sich ausführlich mit diesem
Thema. Erschienen sind bisher acht Hefte mit verschiedenen
Themenschwerpunkten, die einen Einblick in die heutige Waldorfpädagogik
geben. Zu beziehen unter Fax: 07 11/26 84 47 44.
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