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Waldorfpädagogik und Einschulungsalter
Eines ist sicher - Kinder sind lernfähig, fantasievoll, willensstark,
optimistisch, weltoffen, unbe-fangen und neugierig. Die Erwachsenen haben
die Aufgabe, das alles nicht zu verderben und den Kindern zu helfen, ihre
individuellen Entwicklungspotenziale so weit wie möglich zu entfalten.
Die gegenwärtige Bildungskrise ist auch ein Zeichen dafür, dass
offensichtlich eine allgemeine Unsicherheit darin besteht, wie dieser
Erziehungsauftrag am besten zu erfüllen ist. Die aktuelle Diskussion
um den Übergang vom Kindergarten zur Schule wird in der Waldorfpädagogik
be-grüßt, weil gerade dieser Entwicklungsvorgang von großer
pädagogischer Bedeutung ist. Waldorfpädagogen sind aber der
Auffassung, dass diese Bildungskrise nur dann sinnvoll überwunden
und gestaltet werden kann, wenn nicht in erster Linie äußere,
d. h. politisch-ökonomische Aspekte die Entscheidungen prägen.
Vielmehr müssen die Kinder mit all ihren Begabungen, Fähigkeiten,
Interessen, Neigungen und auch Handicaps im Mittelpunkt der Erziehungs-
und Bildungsarbeit stehen - und dabei auch ihre sehr unterschiedlichen
Reifungsprozesse. Erziehungs- und Bildungsarbeit beginnt damit, Kinder
zu beobachten, nicht sie zu beurteilen und schon gar nicht damit, sie
in ein allgemeines Bildungs- und Entwicklungsschema zu pressen.
Lediglich das Einschulungsalter vorzuverlegen erscheint Waldorfpädagogen
daher übereilt und berücksichtigt eben nicht die vielfältigen
und individuell unterschiedlichen Entwicklungschancen der Kinder.
Kinder brauchen Zeit
"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht",
sagt ein afrikanisches Sprichwort. Plastischer kann man die Tatsache nicht
umschreiben, dass Kinder Zeit brauchen, wenn in ihnen Fähigkeiten
nachhaltig heranreifen sollen. Wissenschaftliche Forschungsergebnisse
aus den verschiedensten Bereichen belegen, dass Stress und Druck, auch
Zeitdruck, eine gesunde Entwicklung der Kinder dramatisch behindern. Es
gibt auch bisher keinerlei Hinweise darauf, dass die Vorverlegung des
Einschulungsalters eine gesunde Entwicklung fördern würde, geschweige
denn, dass damit etwa die Lernfreude und die Lernergebnisse beflügelt
würden. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Deshalb ist es das Anliegen der Waldorfpädagogik, jedem Kind die
von ihm benötigte Entwicklungszeit sowie die entsprechenden Erziehungs-
und Bildungsangebote zu geben - damit es seine leiblichen, seelischen,
geistigen und sozialen Fähigkeiten möglichst umfänglich
entfalten kann. Nicht "so früh wie möglich" ist die
Devise, sondern "alles zu seiner Zeit".
Dabei ist die Sorge, wertvolle Lebenszeit der Kinder werde verschwendet,
wenn sie nicht früher in die Schule gingen, fehl am Platze. Ein Kindergarten
ist kein Wartesaal, wo nichts geschieht und nur Zeit verstreicht, sondern
ein effektiver Lernort, wo die Kinder zum Beispiel durch das Spiel und
im Spiel die Basisfähigkeiten (z. B. Bewegungs-, Sprach-, Sozial-
und ethisch-moralische Wertekompetenzen) erwerben, auf denen später
schulisches Lernen aufbaut.
Schulreife als Prozess
Die Schulreife entscheidet sich in der Waldorfpädagogik nicht allein
durch den Blick auf den Ka-lender. Sie ist nicht definiert als ein zu
erreichender Zustand, sondern verbunden mit komplexen Entwicklungsprozessen,
über den Eltern, Erzieher, Schularzt, und Aufnahmelehrer gemeinsam
zu befinden haben. Bei der Untersuchung zur Schulreife, Schulfähigkeit
und Schulbereitschaft kommen viele Symptome in den Blick, z. B. ob sich
der so genannte Gestaltwandel (beginnt mit etwa 5 ½ Jahren und
findet mit etwa 6 ½ Jahren seinen Abschluss) bereits vollzogen
ist, ob der sichtbare Zahnwechsel begonnen hat, wie das Spielverhalten,
die soziale, emotionale und kognitikognitive Entwicklung, die Befindlichkeit
der Grob- und Feinmotorik und das Gedächtnis- und Vorstellungsvermögen
des Kindes entwickelt sind.
Die Waldorfpädagogik legt Wert darauf, die Kinder erst dann einzuschulen,
wenn diese wichtigen Reifungsprozesse zu einem gewissen Abschluss gekommen
sind. Denn erst dann wird das Kind wirklich fähig, seine seelisch-geistigen
Kräfte auf das schulische Lernen zu konzentrieren. Nicht von ungefähr
nennt man die Zeit des ersten Gestaltwandels auch die "kleine Pubertät"
- ein Hinweis, dass in dieser Zeit intensive körperliche Auf- und
Umbauphasen im Seelischen krisenhaft erlebt werden. Ist diese Phase etwa
in der Mitte zwischen dem sechsten und siebten Lebensjahr abgeschlossen,
stehen dem Kind für das schulische Lernen erst die erforderlichen
individuellen Lernkräfte mehr und mehr zur immer freieren Verfügung.
Jetzt ist das Kind wirklich reif für die Schule.
Folgen der Früheinschulung
· Eine verfrühte und oft einseitig intellektuelle Beanspruchung
der Entwicklungskräfte des Kindes durch schulisches Lernen kann die
nachhaltige Schwächung der seelischen, sozialen und geistigen Fähigkeiten
zur Folge haben. Untersuchungen an früh eingeschulten Kindern haben
gezeigt, dass sie kurzfristig Symptome wie Lernschwierigkeiten (zu früh
eingeschulte Kinder bleiben vergleichsweise häufiger sitzen), Schulmüdigkeit,
schwache Aufmerksamkeit oder Motivationsverlust zeigen, langfristig führt
es oft zu einer Beeinträchtigung des weiteren Entwicklungspotenzials
bei Jugendlichen und Erwachsenen. Angesichts der seit Jahren vermehrt
festgestellten Entwicklungsdefizite bei Schulanfängern ist die geplante
Verkürzung der Kindergartenzeit, in der die Kinder die notwendigen
Basiskompetenzen erwerben sollen, völlig unverständlich.
· Die Vorverlegung des Einschulungsalters verändert auch einschneidend
die Kindergartenpädagogik und -praxis, da die bislang ältesten
Kinder in den Gruppen als wesentlicher Bestandteil der Kindergartenkultur
nicht mehr dazu gehören. Diese "Zugpferde" können
bereits Aufgaben und Pflichten übernehmen, sie bieten den kleineren
Kindern Orientierung und haben Vorbildfunktion. Hier bilden sich die Grundlagen
für nachhaltige soziale Fähigkeiten, auf denen die Kinder im
Laufe der weiteren Entwicklung aufbauen.
· Dabei ist es für die älteren Kindergartenkinder von
großer Bedeutung, dass sie sich in diesem Entwicklungsabschnitt
selbst als diejenigen erleben, die das Kindergartenleben kennen, die einen
gewissen Überblick haben, die sprachlich und gedanklich schon etwas
"können". Deshalb heißt dieses letzte Kindergartenjahr
der Sechsjährigen auch das "Königsjahr". Gerade diesen
Reifungsprozess sollten Kinder noch im Kindergarten erleben können,
da er für die Entwicklung des Selbstvertrauens in die eigenen Kräfte
von größter Bedeutung ist. Mit dem sicheren Gefühl "Ich
kann das" verlassen die älteren Kinder dann den Kindergarten
und betreten die Welt der Schule.
· Immer häufiger wachsen Kinder in Kleinfamilien ohne Geschwister
auf, immer wichtiger wird daher ein Lernfeld, in dem sie schon früh
erleben und üben können, was es heißt, mit anderen auszukommen.
Das freie Spiel, eingebettet in den gestalteten Rhythmus eines Kindergartentages,
bietet hierfür die besten Möglichkeiten.
· Es ist zu befürchten, dass eine generelle Vorverlegung des
Schuleintrittsalters dazu führt, dass die Waldorfpädagogik nicht
mehr in der Lage sein könnte, ihr besonderes pädagogisches Profil
in dem speziellen Punkt aufrecht zu erhalten, dass sie beim Übergang
vom Kindergarten in die Schule auf die körperliche und seelische
Entwicklung des Kindes achtet. Eine strikte Ausrichtung auf ein pädagogisches
Verständnis, das besonders den öffentlichen Schulen zu Grunde
liegt, widerspräche dem im Grundgesetz verankerten Vielfaltsgebot
im Bildungswesen.
Zukunftsaufgaben
Die Lebensbedingungen und Lebensweise von Familien und besonders von Kindern
haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich verändert. Die
Waldorfpädagogik ruht sich deshalb nicht auf dem einmal erreichten
Standard aus. Sie orientiert sich angemessen an den neuen Gegebenheiten,
d. h. an den aktuellen Entwicklungsnotwendigkeiten der Kinder. Diese Gestaltungsarbeit
wird durch wissenschaftliche und praxisorientierte Forschungsarbeit für
den Kindergarten- und Schulbereich begleitet. So gibt es schon in mehreren
Bundesländern und im Ausland Erfahrungen mit Vorklassen und anderen
Modellversuchen, die sich mit dem Übergang vom Waldorfkindergarten
in die Schule befassen. Mit Hilfe dieser Praxisforschung wird immer neu
überprüft, ob die jetzigen Ansätze noch tragfähig
sind oder ob weitere zukunftsweisende Innovationen an der einen oder anderen
Stelle notwendig sind.
Hinsichtlich der veränderten Erziehungsbedingungen gibt es seit mehreren
Jahren im Kindergarten sowie in der Unterstufe viele neue und verstärkte
Ansätze, wie zum Beispiel:
- Der Weg zur Schulreife wird im Kindergarten intensiver begleitet.
- Die leibliche und seelische Entwicklung wird verstärkt und differenziert
in verschiedenen Bereichen gefördert.
- Die Zusammenarbeit zwischen Kindergärten und Schulen wird verstärkt
und Konzepte für so genannte Vorklassen werden unter wissenschaftlicher
Begleitung entwickelt.
- Der Arbeitskreis Erziehung und Gesundheit (eine Zusammenarbeit von Bund
der Freien Waldorfschulen, Gesellschaft der Anthroposophischen Ärzte
Deutschlands, Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten
e. V., IPSUM Institut für Pädagogik, Sinnes- und Medien-Ökologie
und die Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien Waldorfschulen)
arbeitet im Zusammenhang mit der Früheinschulung an verschiedenen
Projekten, darunter:
- Umfrage zur gegenwärtigen Situation in den Waldorfkindergärten
- Umfrage zur Einschulungssituation in den Waldorfschulen (zu beiden Umfragen
siehe auch "Erziehungskunst" Mai 2004)
- Erarbeitung von Einschulungskriterien für die Waldorfschulen
- Retrospektive Studie, bei der die Entwicklung und Gesundheitssituation
der jeweils jüngsten und ältesten Kinder einer Klasse über
viele Jahre untersucht werden
- Herausarbeitung pädagogischer Leitmotive für die Altersspanne
von drei bis neun Jahren
Walter Hiller, Bund der Freien Waldorfschulen
Peter Lang, Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten
Martyn Rawson, Pädagogische Forschungsstelle beim Bund der Freien
Waldorfschulen
Bund der Freien Waldorfschulen e. V.
Wagenburgstraße 6, D-70184 Stuttgart
Telefon (0711) 21042-0 , telefax (0711) 21042-19
E-Mail: bund@waldorfschule.de
Website: www.waldorfschule.de
Internationale Vereinigung der Waldorfkindergärten e.V.
Heubergstraße 18
D-70188 Stuttgart
Telefon (0711) 92574-0, Fax (0711) 925747
E-mail: inter.waldorf@t-online.de
Website: www.waldorfkindergarten.org
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